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FN gründet „Stiftung für Aramäische Studien“

Für Aramäerinnen und Aramäer ist es keine neue Erfahrung, vor der Frage zu stehen, wie es gelingen kann, in einer fremden, ja feindlichen Umwelt zu überleben. Wie es gelingen kann, die Kinder an die Geschichte heranzuführen, Tradition und Glauben zu bewahren. Über lange Jahrhunderte haben Glauben und Gemeinschaft stets aufs Neue im Gegensatz zur Umgebung gestanden.

Heute stehen wir wieder vor Herausforderungen. Dabei sind die gegenwärtigen Herausforderungen so vielschichtig, dass wir manche nicht einmal auf ein Schlagwort bringen können. Von "Globalisierung" zu sprechen reicht nicht aus, das heutige Gefühl der Unsicherheit zu beschreiben, das viele Aramäer spüren.


Die politischen Konflikte in den Regionen, die unsere Heimat waren, haben ebenso zu den gravierenden Veränderungen unserer Gemeinschaft beigetragen, wie die Gesellschaften, in denen wir heute leben. Die einfache Frage „woher kommst Du?“, die Frage nach der Sprache, der Familie und dem Glauben, wird von den nächsten Generationen keineswegs mehr einfach zu beantworten sein.

 

Die Fundatio Nisibinensis ist eine Initiative, die gezielt einen Beitrag zur Gestaltung unseres Gemeinschaftslebens leisten möchte. Bereits seit 2005 regt die Fundatio Nisibinensis - Gesellschaft zur Förderung Aramäischer Studien e.V. wissenschaftliche Projekte an und fördert sie finanziell.
Wissenschaft heißt: Fragen nach der Geschichte der Aramäer zu stellen, damit man sie heute beantworten kann, damit man Antworten für die nächsten Generationen formulieren kann, damit die Geschichte der Aramäer und damit die Aramäer selbst nicht in Vergessenheit geraten. Solche Fragen müssen wir selbst stellen – und auch selbst beantworten. Dies nicht zuletzt: weil wir die Antworten leben müssen.

Die Initiative: Eine Stiftung

Mit der Gründung einer Stiftung für Aramäische Studien, wollen wir die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen für ein Institut für Aramäische Studien schaffen. An diesem Institut möchten wir Forschungen anregen über die Geschichte, Religion, Literaturen und Kulturen der Aramäer. Die Forschungen selbst, die Publikationen, die kulturellen Veranstaltungen und die Bildungsaufgaben des Instituts sollen zur Stärkung und Stabilisierung des Lebens der Aramäer in Deutschland beitragen.
Denn die Weitergabe der Traditionen, die Bewahrung der Identität und die Gestaltung einer aramäischen Zukunft sind heute nicht zuletzt abhängig davon, ob man diese Identität für Gegenwart und Zukunft neu interpretieren, neu "denken" kann.
Wir möchten die Aramäerinnen und Aramäer in der Diaspora, insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland, ebenso wie die Freunde der aramäischen Kultur dazu einladen, dieses wichtige Vorhaben zu unterstützen.

Fremde Herrschaften

Zum zentralen Motiv der Geschichte der Aramäer ist trotz der einstmaligen Bedeutung der Theologie, Geschichte und Philosophie in der Antike nicht das Motiv von Wissenschaft und Wissen geworden. Es ist hingegen die Erfahrung des Bruchs, die die aramäische Geschichte bestimmte.
Unter der Unterdrückung fremder Mächte stehend, nicht zuletzt durch das Aufkommen der islamischen Herrschaften, geriet das aramäische Erbe ab dem frühen Mittelalter in Bedrängnis. Historisch entwickelte sich eine letzte Blüte in der „Syrischen Renaissance“ im 11. bis 13. Jahrhundert. Doch in der Peripherie des Osmanischen Reiches, fern von den Zentren der beginnenden modernen Wissenschaften, geriet die aramäische Gemeinschaft in den Schatten der Weltgeschichte. Es begannen die dunklen Jahrhunderte, in denen die Kultur der Aramäer in Vergessenheit geriet. Übrig blieb allein die Kirche als bewahrender Ort.

Herausforderungen der Moderne

Mit dem Anbruch der Moderne wurden die Aramäer mit neuen Problemen und Herausforderungen konfrontiert. Ohne einen eigenen Staat in einer Welt lebend, die von Nationalstaaten bestimmt wird, in den Heimatländern unterdrückt, sind sie heimatlos geworden. Nach Emigration und Flucht aus der Türkei und der gegenwärtigen Erfahrung von Flucht und Vertreibung aus dem Nahen Osten sind die Aramäer eine Diaspora-Gemeinschaft geworden. Doch auch wenn in den Gastländern Sicherheit und persönliche Freiheit garantiert sind, besteht doch zunehmend die Gefahr, als traditionelle Gemeinschaft von der Moderne verschlungen zu werden. Kann es uns gelingen, eine Diaspora zu gestalten, in der Traditionen und Geschichte nicht nur bewahrt, sondern auch wieder zu Elementen gelebten Wissens werden?

Fragen an die Gegenwart

Welche Wege können wir entwickeln, damit die Geschichte der Aramäer nicht in Vergessenheit gerät? Welche Wege können wir entwickeln, Erinnerung und Verantwortung für die Heimat zu bewahren und neu anzuknüpfen an ein geschichtliches Erbe? Wie können wir zeigen, dass Traditionen etwas Wertvolles sind, was auch heute noch seine Berechtigung hat?
Um die Situation der Diaspora lebbar zu machen, braucht man ein neues Denken, man braucht Strategien und Institutionen. Doch braucht man vor allem auch Wissen. Und zwar nicht nur Wissen über die Gesellschaften der Moderne, sondern auch Wissen über die eigene Geschichte.
Noch ist das Band der gelebten Gemeinschaft und der lebendig erzählten Erinnerung so stark, dass von der aramäischen Gemeinschaft selbst die gegenwärtigen Herausforderungen bisher nur wenig erkannt wurden. Doch bereits für die nächste Generation muss sich auch ein wissenschaftliches Denken neben die Traditionen stellen. Nicht um eine Alternative zu sein. Sondern um mit einer modernen Antwort erklären zu können, warum diese Tradition es verdient, bewahrt, weiter getragen und gelebt zu werden.

Ein Grundstein für die Zukunft

Die Aramäer leben mit dem Bewusstsein, einer schweren, von Brüchen, Verlusten und Gewalt gezeichneten Geschichte ebenso zuzugehören, wie einer Geschichte einstmaliger philosophischer, theologischer, kultureller, ja auch politischer Bedeutung.
Einen Grundstein für die Zukunft der Aramäer zu legen bedeutet, dieses gelebte Wissen auch zu einem erfahrbaren und lernbaren Wissen zu gestalten. Denn nur durch eine Weiterentwicklung kann eine Bewahrung gelingen.

Die Fundatio Nisibinensis will gezielt einen solchen Grundstein in der Diaspora setzten. Mit der Gründung der Stiftung für Aramäische Studien soll eine sichtbare Institution der aramäischen Gemeinschaft geschaffen werden. Die Aufgabe der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte und Gegenwart der Aramäer soll der Förderung des Wissens und der Bildung dienen, aber auch der Bewahrung der Identifizierungen mit der Geschichte und den Traditionen in einer modernen Welt.Diesen Grundstein gemeinsam mit Ihnen zu legen, inmitten der in Deutschland lebenden Aramäerinnen und Aramäer, und damit nicht zuletzt einen Grundstein für eine Zukunft einer aramäischen Diaspora, ist uns ein großes Anliegen.Wir sind entschlossen, diesen Weg zu gehen, und hoffen dabei auf Ihre Unterstützung!